Es macht mit uns…

Sobald ich das Facebook aufmache sehe ich viele Vorwürfe, Verurteilungen, Beschuldigungen und eine Entfernung zwischen Menschen.

Die eigene Wahrheit wird gesprochen. Aber nicht aus dem Herzen, sondern aus der Angst.
Wir alle haben Angst. Aber wir haben alle eine andere Angst und es ist eine Illusion zu glauben, dass unsere eigene Angst grösser und wichtiger ist als die der Mitmenschen. Das zeigt sich gerade so deutlich in all den Posts.

Aus unserer Angst heraus suchen wir Sicherheit und erwarten dadurch, dass die Mitmenschen unsere Meinung und Wahrheit teilen, damit wir wieder Sicherheit finden.
Aber leider funktioniert das Ganze nicht so. Wie schon so oft in meinen Blogs geschrieben und ich erwähne es hier nochmals. Es ist an der Zeit bei uns hinzublicken. Uns mit uns, unseren Gefühlen und Ängsten zu beschäftigen.
Es bringt uns nicht weiter andere verantwortlich zu machen dafür. Verantwortlich für unseren Schmerz, unser Leid und all die Gedanken und Gefühle. Damit bleiben wir Opfer unserer Machtlosigkeit und es treibt uns nur mehr in die Aggression und in die Ohnmacht. Es entfernt uns dadurch immer mehr von uns selbst und schlussendlich auch von unseren Mitmenschen. Niemand hält sich gerne in der der Nähe eines Pulverfasses auf. Wir wünschen uns wieder Sicherheit, einen Rahmen und Halt. Aber den werden wir nicht im Aussen finden. Den Halt finden wir schlussendlich immer wieder in uns. Mit uns.

Das spannende für mich ist, dass ich all die Ängste sehr gut nachvollziehen kann, weil ich sie selbst schon gefühlt habe irgendwann in meinem Leben. Ob nun in dieser Situation oder einem anderen Ereignis auf eine andere Art und Weise.

Wir können doch die Ängste nicht kategorisieren und sagen, dass Existenzangst weniger schlimm ist als die Angst vor Krankheit oder dem Tod. Ob es schlimmer ist Schuld- oder Ohnmacht zu fühlen. Jeder von uns spürt gerade die unterschiedlichsten Gefühle. Da gibt es nicht ein besser oder schlechter. Ebenfalls ist es absurd Menschen die unsere Wahrheit nicht teilen abzustempeln. Im Moment zeigt sich dies vor allem durch Aussagen wie Verschwörer oder auf der Anderen Seite durch die Bezeichnung von Schafen. Niemand macht genau die gleichen Erfahrungen wie wir selbst, deshalb ist es auch klar, dass niemand genau die selbe Meinung teilt oder genau unsere Wahrheit sieht. Aber eine Freundschaft, eine Verbindung sollte definitiv nicht davon abhängig sein. Was ist das für eine Erwartungshaltung an unsere Mitmenschen? Nur aus unserer eigenen Angst heraus distanzieren wir uns immer mehr von unseren Liebsten und schlussendlich auch von uns selbst.
Die Frage ist, warum löst es genau diese Aggression in dir aus? Was ist die Angst, dass jemand nicht deine Wahrheit sieht? Was ist die Angst dahinter?

Da stellen sich mir noch so einige Fragen mehr.
Warum müssen deine Mitmenschen den Kopf für dich hinhalten?
Von was rennst du weg?
Hörst du auf zu kämpfen, wenn dein Ziel erreicht ist? Oder findest du einen neuen Kampf?
Denkst du ernsthaft, dass wenn diese Situation vorbei ist, sich genau diese Ängste in Luft auflösen?
Oder findest du neue Probleme und Gründe für genau diese Ängste?

Mal angenommen, das Virus verschwindet einfach so, löst sich in Luft aus.
Hast du dann keine Angst mehr zu sterben oder krank zu werden?
Es könnte ja vielleicht doch noch da sein oder wir erkranken bzw. sterben an was anderem.
Hast du dann keine Angst mehr das du versagen könntest oder sich dein Erfolg ebenfalls in Luft auflöst?
Es könnte ja sein das plötzlich eine andere unerwartete Situation eintrifft.
Hast du dann keine Angst mehr deine Freiheit zu verlieren?
Was wenn etwas ganz anderes dich einschränkt.
Was wenn der Kampf vorbei ist um ein Ziel?
Und du spürst dass du ein neues Ziel brauchst, vielleicht einen neuen Kampf.

So viele Fragen, die ich mir auch selbst immer wieder stelle. Ich begegne in diesen Wochen auch immer wieder meinen Widerständen, meinen Ängsten und der Frustration. Aber ich weiss, dass es meine Gefühle sind und in meiner Verantwortung liegt und nicht in den Händen meinen Mitmenschen.
Ebenfalls können wir aufhören andere von unserer Wahrheit oder Meinung überzeugen zu wollen, denn ich denke jeder von uns hat bereits seine Meinung. Dafür braucht er nicht mehr dich. Und ich denke daran wird sich auch durch deine aufopfernde Art nichts ändern. Deine Argumente kannst du dir sparen, denn die hat bereits jeder schon zu oft gehört und sich auch die eigenen kreiert. Lebe deine Wahrheit ohne sie von anderen einzufordern. Lebst du sie überhaupt?

Am meisten geben mir Post zu denken, wo jemand Respekt, Toleranz und Solidarität fordert von seinen Mitmenschen aber noch im gleichen Text mit Beschuldigungen um sich wirft und einfach die Menschen ausgrenzt, die nicht seine Wahrheit teilen. Solidarität ist doch nicht abhängig von einer Meinung oder Wahrheit. Gerade das macht es ja so herausfordernd. Nur weil jemand die Welt mit anderen Augen sieht gibt es dir doch nicht das Recht diesen Menschen auszugrenzen oder noch bösartiger zu beschuldigen. Das hat definitiv nichts mit Toleranz und Solidarität zu tun. Das ist nichts anderes als etwas von anderen einzufordern, weil man es selbst nicht lebt. Die Menschen zeigen gerade eindeutig ihre Schattengesichter. Zum einen finde ich es schön, weil Menschen durch ihre Angst jegliche Scham verlieren ihre unschönen Seiten zu zeigen. Die Schatten zeigen sich nun deutlicher den je.

Auch ich werde immer wieder getriggert und diese Zeit macht gerade auch sehr viel mit mir. Aber ich bin dankbar immer wieder zu mir zurückzufinden. Mich mit mir zu beschäftigen statt mich um das Leben meiner Mitmenschen zu kümmern. Eine alte Leier, die wir alle schon zu gut kenne und können.

Aus meiner Sicht rechtfertigen unsere Ängste es nicht, die Verantwortung an unsere Mitmenschen abzutragen. Ebenfalls möchte ich meinen Mitmenschen weiterhin mit Liebe und Offenheit begegnen.

Beitragsfoto von Michael Antonazzo